Die Schwierigkeit mit der Verantwortung

Der Grobe Entwurf fordert seine erste Stellungnahme. Ich danke Michael für sein offenes Kompliment und will mich an einer möglichen Antwort versuchen.

In Deinem Kommentar schreibst Du:

In Zeiten, in denen nichts entscheidbar ist, ist man um so mehr aufgerufen zu entscheiden. Und zwar jenseits jeglicher Allgemeingültigkeit, aber dafür um so "verantwortlicher".
Man kann also auf die postmodernen Gegebenheiten auf zweierlei Weisen reagieren: Resignation, Fatalismus, Ohnmacht oder radikal subjektiv, eingreifend, rückhaltlos verantwortlich.
Wichtig für die zweitere Variante ist, dass man sich dafür seinen Spielraum, seinen eigenen Aktionradius schafft.


Im Kern stimme ich Dir voll und ganz zu. Mein entschiedener Widerspruch gilt allein einem kleinen verräterischen Wort in Deinem letzten (Ab)Satz: "Wichtig für die zweitere Variante ist, dass man sich dafür seinen Spielraum, seinen eigenen Aktionradius schafft." Es geht Dir hier offensichtlich um was "Wie Verantwortung tragen?", um mögliche Auswege aus dem postmodernen Labyrinth. Warum aber muss es ein "eigener" Spielraum, ein "eigener" Aktionsradius sein?

Meiner Meinung nach müssen wir zukünftig vielmehr in "gemeinsamen" Aktionsradien zu denken lernen. Über Umwege, wie sich von selbst versteht.

Wie vielschichtig die von Dir - und meiner Meinung nach vollkommen zurecht - geforderte Übernahme voller "Verantwortung" ist, zeigt sich, wenn man den Begriff zu übersetzen versucht. Die naheliegenste Verweis würde wohl dem Wort "responsibilty"gelten, und ich möchte es hier kurz beibehalten, weil mir die différance mit ihm ein kleines Spiel erlaubt. Es hilft, einen in meinem Augen wesentlichen Kern einer jeden Verantwortung auszumachen: Jede Verantwortung, jede "responsibility" ist zugleich, immer, stets auch in einer mehr oder weniger gewollten oder abgelehnten Form eine "responsability" - eine Position, die für eine Antwort oder Reaktion auf etwas ("a response") nach einer "ability", also einem imstande Sein, dem Innehaben einer Entscheidungs- oder Machtposition verlangt. Ohne Autorität, ohne delegierte, von Seiten der Vielen dem Einen anvertraute Macht: keine Verantwortung.

Eine wahrhafte, vollwertige Demokratie aber will und muss versuchen, dass Gegenteil umzusetzen: Die Verantwortung aller. In einer sich seit sechs Jahrhunderten zunehmend globalisierenden Welt werden die Verhältnisse und Zusammenhänge allerdings immer undurchschaubarer, sie erfordern, salopp formuliert, zwangsläufig das Delegieren von Verantwortung an "Spezialisten". Aufgrund der bisherigen Bilanz lesen Du und ich jetzt unsere gegenseitigen Zeilen.

Einer der voreiligen Trugschlüsse der postmodernen Wissenschaften ist allerdings der, dass die Zersplitterung Großer Erzählungen zwangsläufig auch das Zusammenbrechen jeglichen Dialogs nach sich ziehen muss: Als ob mit dem Verstummen imperialer Stimmen sich plötzlich die Zuhörerschaft auflöst und nun jeder gegen jeden anspricht. Zugegeben: Für die zauberhafte Welt der Wissenschaft scheint in der Tat zu gelten, dass sich ihre Anhänger inzwischen endültig zu Einzelkämpfern haben degradieren lassen - für das eigene oder gegen das Argument eines anderen, vor allem aber für Lehrstuhlausstattung und exklusive Sonderforschungsbereiche. Hier darf und müssen wir also mit ganz besonderer Hartknäckigkeit fragen: Warum diese Kakophonie?

Unter anderem, weil die postmodernen Denker privilegiert sind und mit Vorliebe auf die Flüchtigkeit von Bedeutungen verweisen. Sie verdrängen dabei aber oft die Funktion der Sprache als Medium: Ihre Vermittlungsfunktion verlangt nach kurzfristiger Einigung, nach einem sporadischen Einfrieren der Bewegung - einem situationsbedingten "Dritten Raum", den die Dialogparteien für sich in Anspruch nehmen, um überhaupt in Dialog treten und über das Notwendige sich austauschen zu können (der Verweis gilt Homi Bhabhas Konzept des "third space").

Was ich damit andeuten will? Einerseits macht die Subjektivität des Interesses und des individuellen Willens jeden Gedanken anfechtbar. Andererseits ist es aber gerade die Einsicht in die Unmöglichkeit der vollständigen Selbsthinterfragung und Selbstaufklärung, die Nachhilfe von Außen geradezu erfordert und nach einer Kritik aus fremder Perspektive verlangt: "Jede sinnvolle Wertung fremden Wollens kann nur Kritik aus einer eigenen 'Weltanschaung' heraus, Bekämpfung des fremden Ideals vom Boden eines eigenen Ideals aus sein", schreibt Max Weber [1].

Meine Forderung also: Die Rückkehr zum Dialog. Die Forderung nicht nach eigenen Spielräumen, sondern nach gemeinsamen Entscheidungen. Wir wissen um unsere Subjektivität, wir können sie uns nicht oft genug bewusst machen. Der Dialog, die Kritik, die Auseinandersetzung und der Austausch müssen diese Subjektivität aber nicht notgedrungen zur Grenze unserer Handlungsräume machen. Ohne den Versuch der Umsetzung wäre auch Deine und meine Sorge um das Gemeine, die Gemeinschaft, die Demokratie ein weiteres Spiel mit Worten ...


[1] Max Weber, Die 'Objektivität' sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, Schutterwald (Baden): Wissenschaftlicher Verlag, 1995 [1904], S. 25.

mspro hat gesagt… said:

5. September 2007 um 11:02  

Ein ganz vortrefflicher Streitpunkt ist das. Denn bei dem Begriff der "Gemeinschaft" hört unsere Gemeinschaft auf. Nicht aber, und das ist wichtig, unser Dialog.

Wie Du siehst, ist der Dialog nicht an Gemeinschaft gebunden. Ich würde sagen, das Gegenteil ist der Fall. Der Dialog ereignet sich ausschließlich in der Differenz.

Ich bin für Dialog. Und gegen Gemeinschaft. Gemeinschaft in einem Sinne, wie wir sie institutionalisiert zuhauf vorfinden und sie immer nach dem Schema F abläuft: Man versammelt sich unter einem Namen, gibt sich ein Gesetz und wählt sich sene Vertreter. Ob Staat, Terroristenzelle, Rockband, Partei oder Unternehmen. Es ist alles das gleiche.

Nein. Dafür stehe ich nicht zur Verfügung. Das konnte ich noch nie leiden. Kompromiss, Mehrheitsmeinung, Unterwerfung, Weisung und Zugehörigkeit sind keine Konzepte für mich. Oft mit Leuten zwangsvergemeinschaftet, mit denen ich nichtmal ein Bier trinken würde. Und ich denke, das alles wird auch bald nicht mehr notwendig sein.

Denn wenn es eine Postmoderne gibt, dann ist sie gerade erst im anmarsch. Sie wäre eine Kommende, wie Derrida sagen würden. Und so, wie Derrida würde ich auch auf ein ganz anderes Gemeinschaftsmodell hoffen. Ein Gemeinschaftsmodell jenseits der Gemeinschaft. Eines, das einen nicht einfasst in etwas anderes, über einem stehendes. Das wäre die Politik der Freundschaft. Freundschaft STATT Gemeinschaft.

Ja, ich weiß. Irgendwie fremd und doch ganz banal. Ich habe Beziehungen zu Menschen. Nicht zu Organisationen, Verbänden, etc. Auf die Beziehungen zum Menschen kommt es mir an, auf jede einzelne. Und niemals wird man diese Fassen können in einem Begriff, der sie alle versammelt und ihnen ein Gesetz aufdrückt.

Im Internet kann man diese Organisationsform, die völlig ohne Organisation auskommt, bereits super beobachten. Durch Buddylists oder Blogrolls ergeben sich komplexe Netzwerkstrukturen aus miteinander kommunizierenden Individuen in denen niemand seine Individualität, seine Meinung oder sich selbst einer Räsion unterordnen muss.

Und ich bin mir sicher, dass sich dieses Modell irgendwann politisch bemerkbar macht. Und ja, ich bin mir sicher, es ist das Modell der Demokratie von morgen in der niemand mehr seine Stimme _abzugeben_ braucht, sondern sie nutzt um direkt in den Diskurs einzugreifen. Und dann wäre Politik dort, wo sie hingehört: beim Einzelnen und seiner Verantwortung.

Das wäre also mein Standpunkt: Dialog statt Einigung. Freundschaft statt Gemeinschaft.

J. Lambing hat gesagt… said:

9. September 2007 um 00:13  

Das ist etwas Mspro, was ich bei dir nicht ganz kapiere: warum die Gemeinschaft per se mit einem Staat verwechselt wird.

Lassen wir mal ausser acht, daß du diesen Dialog nur führen kannst, weil du nicht nur einer Sprachgemeinschaft, sondern auch noch einem intellektuellen Milieu mit ganz eigenem Sprachspiel angehörst. (Ich will gar nicht darauf hinaus, daß du immer schon Gemeinschaften angehörst, das finde ich für den Augenblick zu langweilig.) Als physisches Wesen als konkreter Mensch, der geboren wurde, der liebt, der küsst, der streitet, der ein Bierchen trinken geht und sich mit Freunden trifft und der im Alter diejenigen pflegen wird, die ihm am Herzen liegen, ist deine Freundschaft immer schon an Gemeinschaften gebunden.

"[Freundschaft] ist fürs Leben das Notwendigste. Ohne Freundschaft möchte niemand leben, hätte er auch alle anderen Güter. (...) Oder wie ließe sich das Glück ohne Freunde hüten und wahren?"

"Denn nichts kennzeichnet die Freundschaft stärker als das Zusammenleben: nach Nutzen verlangt der Hilfsbedürftige, nach Gemeinschaft aber gerade auch der Mann auf der höchsten Stufe des Glücks."

Für jede Unternehmung, die einigermaßen riskant ist, brauchst du die Gemeinschaft der Freunde. Und das ist noch lange vor dem Gesetz.

Eine Politik der Freundschaft wäre eine Politik der Gemeinschaft. Und dann kann man darüber reden, ob und wann das Gesetz notwendig würde. Und deine Politik der Freundschaft, die doch beim Internet so viele Anregungen bekommt, wäre gerade eine, die die Gemeinschaften stark macht. Es sind nicht die Individuen, die sich über den Long Tail etablieren, es ist der Mechanismus der Freundschaft, die Sehnsucht nach Gemeinschaft, deren große Stunde im Internet schlägt.

----Snipp----

Verzeihung, Herr Willyam, Lambing mein Name. Verzeihung, dass ich hier so reinplatze, der Herr Nerone und der Mspro sagten mir, sie seien hier zu finden, und so bin ich einfach reingeschneit. Und dann reißt's einen mit und man fängt direkt an, reinzuschnattern, ganz ungefragt.
Postmodern bin ich nicht, weder theoretisch noch als Anhänger moderner Briefzustellung. Aber ich wünsche gutes Gelingen für dieses Blog, sicherlich eine Bereicherung! und ich denke, der Mspro wird's auch gebrauchen können, die kritischen Bemerkungen an der Post ... räusper... Postmodernen mein ich selbstverständlich. Jetzt muss ich auch schon gehen, einem Bekannten beistehen, war wie gesagt auch schon hier, nerone, bei dem gerade ein paar übereifrige Jungspunte Rassismusanalysen mit platter Antifa-Lyrik verwechseln.
Bis denne und wie gesagt: Nochmal alles Gute, liesst sich viel Spannendes hier, komme - wenn's recht ist - auch nochmal wieder...