Wenn Verdichtung und Beschleunigung so mitreißend wirken, dass man nur mit Abstand, im Abstand, im Entzug fähig wird, Dinge Lagen Sachverhalte einschätzen zu können: Ist dieses sich entziehende Dabei statt Mittendrin, dessen Gegenteil ich sonst fordere, Sehnsucht nach "Objektivität", nach Verständnis statt erlebtem Anteil, nach Rückzug aus Abgestumpftheit und Erschöpfung?
Gibt's nicht: "Digitale Bohème"
at 6.3.08 Posted under Denkschubladen: Alltagskultur, die Postmoderne: historisiert, Digitale Bohème
Es ist schon einige Zeit her, dass ich - wenn auch nur mit einem sehr sporadischen Ansatz - versucht habe, Parallelen zwischen der Decadénce der vorletzten Jahrhundertwende und der Selbststilllegung der Postmoderne zu ziehen. Jetzt erst habe ich begriffen, dass diese Historisierung nicht Zuschreibung, sondern Selbstbeschreibung ist: Junge, kreative und dynamische Selbstständige sehen sich als heutzutage als "digitale Bohèmes". Man vermute also keinen misanthropischen Pessismismus hinter dieser Vereinahmung, im Gegenteil - wer digitaler Bohèmien ist, ist, glaubt man Mercedes Bunz, mittendrin statt nur nur dabei: hip, hoch qualifiziert, diffus kreativ und arm.
Das feuilletonkompatible[...] Label geht auf Holm Friebe und Sascha Lobo zurück; ihr Buch Wir nennen es Arbeit – die digitale Bohème oder intelligentes Leben jenseits der Festanstellung versteht sich als Begründungsmanifest: ETWAS BESSERES ALS DIE FESTANSTELLUNG FINDEN WIR ÜBERALL!, stimmt folglich auch die Buchvorstellung ein: Sie verzichten dankend auf einen Arbeitsvertrag und verwirklichen den alten Traum vom selbstbestimmten Leben. Mittels neuer Technologien kreieren sie ihre eigenen Projekte, Labels und Betätigungsfelder. Das Internet ist für sie nicht nur Werkzeug und Spielwiese, sondern Einkommens- und Lebensader: die digitale Boheme. Ihre Ideen erreichen - anders als bei der früheren Boheme - vor allem über das Web ein großes Publikum und finanzieren sich damit. Ein zeitgemäßer Lebensstil, der sich zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt. [...] Immer mehr junge Kreative entscheiden sich für das Leben in Freiheit. Ihr Hauptziel ist nicht das Geldverdienen, sondern ein selbstbestimmter Arbeitsstil, der den eigenen Motiven folgt - in unsicheren Zeiten vielleicht die überlegene Strategie. Denn ihre enge Einbindung in soziale, künstlerische und digitale Netzwerke bringt ständig neue, teilweise überraschende Erwerbsmöglichkeiten mit sich. Sie schalten Werbebanner auf ihren Websites, handeln mit virtuellen Immobilien, lassen sich Projekte sponsern oder verkaufen eine Idee an einen Konzern. Ihre Produkte und ihre Arbeitsweise verändern den Charakter der Medien und des Internets, bald auch den der Gesellschaft. Holm Friebe und Sascha Lobo porträtieren die digitale Boheme: Sie stellen erfolgreiche Konzepte und innovative Ansätze vor und erklären wirtschaftliche, technische und soziale Entwicklungen und Hintergründe. Ihre spannende Analyse einer zukunftsgewandten Daseinsform inspiriert dazu, so zu arbeiten, wie man leben will.
Klingt nett, ist aber harmlos. Der gefühlten Verwandtschaft zur "analogen Bohème" liegt der Irrtum zugrunde, die Bedeutungen von kreativ und künstlerisch seien synonym verwendbar. Es ist die "creative industry", in steifem Deutsch: die "Kreativwirtschaft", die sich hier neu definiert - und nicht der künsterlische Außenseiter, der in seiner Arbeit eine zeitgemässe Form für die Formulierung (gesamt)gesellschaftlicher Kritik sucht. Man arbeitet ausdrücklich nicht an einer Gegenkultur, weil man mit der Kultur den Kapitalismus nicht umhaut. Lobo ist selbst bester Repräsentant dieses "Kreativmainstreams": Nicht nur ist er Mitherausgeber und verantwortlicher Redakteur des mit dem Adolf-Grimme-Preis prämierten Weblogs Riesenmaschine; darüber hinaus arbeitet [er] als freier Werbetexter und machte unter anderem eine Kampagne für die MTV-Serie „Popetown“. Während der New-Economy-Phase hatte er eine Werbeagentur.
Ich will es mir nicht einfach machen. Dass Beschäftigungssicherheit nur bedingt als Lockmittel für die Selbsterfüllungsträume der Kreativbranche wirkt, streite ich nicht ab. Aber die digitale Bohème ist keineswegs die prophetische Vorhut, für die sie sich ofenbar so gern ausgibt: im St. Oberholz oder auf 9 to 5 Festival-Camps vermittelt sie (sich selbst) das starke Gefühl, einen Zipfel der Zukunft in der (oft leeren) Hand zu halten und neue Formen der Arbeit zu antizipieren..
Natürlich, jede Geschichte kann man aus einer zweiten Perspektive umschreiben. Soziologen verhandeln das Ausloten der Eigenbedürfnisse zwischen Selbstverwirklichung und Lebensabsicherung unter dem Begriff der "Flexicurity", Mercedes Bunz sieht in den neuen Bohèmiens lediglich Penner, wenn auch keine digitalen: Sie streicht das Attribut "digital", um es durch "urban" zu ersetzen.
Der grundlegende Wunsch nach Autonomie bleibt für mich trotz unterschiedlicher Taufversuche nichts desto Trotz nachvollziehbar, sogar verständlich. Zugegeben: Bei intensiver Selbstbefragung wähne auch ich zumindest ansatzweise in mir einen digitalen Bohèmien, urbanen Penner oder Flexicurity-Besorgten. Aber ich mache daraus kein Profil, stilisiere mich nicht im Sankt Oberholz und arbeite mit meinem Apple an meiner Selbstdarstellung. Die Selbstverliebheit der digitalen Bohème hält sie gründlich davon ab, die Grenzen ihres Wunsches nach Selbstverwirklichung zu erkennen: [...] auch wenn sie sich Gedanken über die Strukturen der neuen Öffentlichkeit machen, auch wenn sie in den Röhren der Kommunikation stecken [...] - [a]us diesem Pool der vernetzten kreativen und Freiberufler wird kein neuer Jürgen Habermas kommen [...].
Wovon die digitalen Bohèmiens also erfasst sind, sagen mir meine bisherigen Praktika- und Mitte-Erfahrungen, ist nicht die Ankündigung einer donnernden Revolutionswelle, sondern der anhaltende Teenagersozialismus verwöhnter Wohlstandserben. Webdesigner, Kreative, Blogger, Grafiker usw. usf. die gelegentlich, oder so oft sie können, in mit WLAN ausgestatteten Cafés arbeiten, schreibt Thomas Matterne so schön pointiert, sind keine Bohemiens, sie sind schlicht Freiberufler.
Über Digitale Demenz
at 28.11.07 Posted under Denkschubladen: Alltagskultur, Bestandsaufnahme, medientheoretisches
"The more I study, the more I know; the more I know, the more I forget; the more I forget, the less I know - so why study?"
Eines der Phänomene, das unsere globalisiert-schnelllebige Zeit offenbar ereilt, sickert nach und nach aus Richtung Südkorea in unser Bewusstsein: Die Generation Google ist, so Florian Rötzer am 11.06.07, "digital dement". In zunehmendem/r Masse "outsourcen" wir inzwischen unsere Gedächtnisse - Zeugnis davon, dass unsere technologische Beschleunigung durchaus auch beunruhigende kulturelle Beschleunigungen provozieren kann. Epitom ist das Mobiltelefon, das inzwischen längst mehr ist als nur tragbares Telefon. Es ist Terminkalender; Telefonbuch; Adressbuch; digitale Blitzlichtkamera mit kleinem Bildbearbeitungsprogramm; Wecker; Radio und mp3-Spieler; Diktiergerät; Spielkonsole; Mini-PC für's sporadische Surfen & Emailing; Newsticker; Navigationsgerät und zukünftig vermutlich auch Kreditkarte und Personalausweis. Mobile "13 in One"-Technologie. Wehe aber, sie versagt uns ihre Dienste. Weil wir scheinbar alle wichtigen, alltagsrelevanten Daten speichern, sichern und auslagern, stehen wir im Ernst(aus)fall wortwörtlich ziemlich "blöde" da: Ohne Nummern, ohne Adressen, ohne Orientierung.
Isoliert betrachtet, erklären die derzeit kursierenden Analysen allerdings wenig. Ursache ist nicht die Verlockung dieser Medien an und für sich, sondern der kulturelle Druck, mit dem eine dienstleistungsorientierte "Wissensgesellschaft" den Einzelnen offenbar bedrängt. Gefragt ist optimales Geschick beim Surfen auf den Wellen der Informationsflut; Dynamik und "life-long learning" anstelle eines inzwischen als statisch und imprägniert wahrgenommenen Wissensgrundstocks. Man muss lediglich "wissen", wie man seine "Tools" effektiv "implementiert". Die monokausale Erklärung koreanischer Mediziner: "Da sich die Menschen mehr auf die Informationssuche als auf das Erinnern verlassen, entwickelt sich die Gehirnfunktion des Suchens, während sich die Gedächtniskapazität vermindert. Eine starke Abhängigkeit von digitalen Geräten vermindert die Fähigkeit, sich zu erinnern." Zunehmende Flexibilisierung hat, so scheint es, ihren Preis.
Während man diese Beobachtung beklagen kann, schlage ich eine Verschiebung der Perspektive vor, um im Schnelldurchlauf mögliche kulturelle Hintergründe auszuschraffieren. Für Foucault war u.a. auch die Fabrik ein Ort der Disziplinierung, der Erziehung, eine Institution, die nur ein Kernfach kennt: die Didaktik der Macht. Was für die Arbeit seit ihrem Umzug in die Maschinenhalle gilt, lässt sich mit (sogar: unerträglicher!) Leichtigkeit auf das Steuerbüro und die Kreativagentur übertragen: Ich lagere mein Gedächtnis aus, damit mein Kopf frei für meine aktuelle Aufgabe ist - ich lebe im Fluss (Neudeutsch: flow), mit konzentriertem Blick auf die im Hier und Jetzt zu erledigende Arbeit. Ich bin der rationalisierte, entindividualisierte Mensch. Reine, kompakte Arbeitskraft, flexibler vielleicht als am Fliessband, aber nichtsdestotrotz diszipliniert.
Der Erklärungsversuch bleibt allerdings nur halbherzig, beschränkt man sich allein auf diese Aktualisierung Foucaults (die, vermute ich stark, ohnehin bereits vorgenommen worden ist). Denn die Vernachlässigung / aus foucault'scher Sicht: Disziplinierung des Gedächtnisses verläuft in zwei Richtungen zugleich und verändert grundlegend unser Verhältnis sowohl (1) zum Erinnerten (dem Vergangenen) als auch (2) zum zu Erinnernden (dem (bald) Anstehenden). Beinahe zwangsläufig spürbarer, vermute ich, ist der Wandel im Umgang mit dem Vergangenen: Um effizient agieren zu können, ist das soeben Vergangene weniger wichtig als das (bald) Anstehende. Ich muss einen Schritt in die Zukunft denken, mir selbst voraus sein, um nahtlos, ohne Pause, ohne Verzug, an die Gegenwart anknüpfen zu können. Mein Leben ist so dicht, dass ich, kaum angekommen, immer schon wieder "auf dem Sprung" bin, selten zur Rast komme. Es scheint die Umkehrung dessen eingetreten zu sein, was man mit der Erfindung der Eisenbahn befürchtete: War es damals die übertriebene Angst, dass die Seele mit der ungeheuren Geschwindigkeit des beschleunigten Körpers nicht Schritt halten könne, ist es heute die Ungeduld vor dem Stillstand, die den Verlust unserer Bodenhaftung provoziert.
Beschleunigung und Verdichtung, Rationalisierung und Funktionalisierung scheinen also die Paradigmen zu sein, auf die es die eigentliche Aufmerksamkeit zu richten gilt. Gedächtnisverlust aus Überforderung oder Disziplinierung - ein Symptom der Moderne? Nein! Die "digitale Demenz", die (post)moderne Gedächtnisauslagerung, hat ihre Vorläufer - aber auch das scheinen wir voreilig vergessen zu haben. Bereits Platon versucht die Auswirkungen der Schriftkultur auf Gedächtnisleistung und Wissensqualität auszuloten. In einem fiktiven Dialog lässt er Sokrates vom sogenannten Mythos von Theuth berichten, der der altägyptischen Erzählung nach das Alphabet, und damit folglich das Schreiben und die Schrift erfunden haben soll. Die Kritik des regierenden Königs Thamus fällt für unsere heutigen Ohren ungewöhnlich scharf aus: "Denn diese Erfindung wird den Seelen der Lernenden [...] Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung der Erinnerung, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittels fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden. Nicht also für die Erinnerung, sondern für das Erinnern hast du ein Mittel erfunden, und von der Weisheit bringst du deinen Lehrlingen nur den Schein bei, nicht die Sache selbst" (Platon: "Phaidros", 274a, hier in: Sämtliche Werke, Bd. 4, Hamburg 1958, S. 55)
Vertraut man auf Platons Darstellung, hat man also bereits im 4. vorchristlichen Jahrhundert die Drohung einer bevorstehenden Gedächtnisauslagerung gespürt - aufgrund der Verbreitung eines Mediums, das als Grundstein unserer seitherigen Kultur gilt! Ohne die Leistung Gutenbergs nicht denkbar, wird danach erst unser 19. Jahrhundert wieder Zeuge eines quantitativen Wissenssprungs, einer "Informationsflut". Erneut müssen sich Wissenschaftler, insbesondere Historiker, über die Grenzen des zu bewältigenden Wissens verständigen, denn die schnell wachsende Anzahl an Veröffentlichungen überfordert die bisherigen Rechtfertigungsdogmen "objektiver" Erkenntnismethoden. Doch wie der Herausforderung begegnen? Nietzsches kategorische Antwort: "Nur soweit die Historie dem Leben dient, wollen wir ihr dienen [...]" (F. Nietzsche, "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben", in: "Unzeitgemäße Betrachtungen", Frankfurt (Main): Insel, 2000, S. 95).
Ist das "all just a little bit of history repeating"? Es ist verlockend, den Refrain mitzusummen, doch im Grunde passiert hier mehr. Der Verweis auf Platon, Nietzsche, Foucault und die (zumindest für den Augenblick einzuräumende) Unvereinbarkeit ihrer Positionen macht einmal mehr deutlich, wie zerbrechlich und unangebracht teleologische Konstruktionen sind. Auch wenn sich die Befürchtungen über die "digitale Demenz" historisieren lassen, dürfen ihre eigenständigen Dimensionen nicht ausgeblendet werden. Oder doch?
Wie offenbar schon zu Platons und Nietzsches Zeiten sehen wir uns offenbar mit einem "radikalen Strukturwandel des Wissens" konfrontiert: "Wissen wird nicht einfach abgerufen, nicht von einem wohlbekannten Ort her bezogen, sondern muss eher gesucht und durch individuelle Auflösungs- und Rekombinationsstrategien jeweils neu hergestellt werden. [...] Die unübersichtliche Fülle von Informationen, die weltweit zur Verfügung steht und abrufbar ist, setzt förmlich voraus, dass wir unsere Fragen und unseren Bedarf an Wissen andauernd assoziativ und mit kreativem Blick für weiterführende Links in Echtzeit neu überdenken. [...] Informationen [bezieht man] auf die eigene Perspektive [...] und [formt sie] zu relevantem Wissen um[...]" (Armin Nassehi, "Von der Wissensarbeit zum Wissensmanagement - Die Geschichte des Wissens ist die Erfolgsgeschichte der Moderne", in: Christa Maar u.a. (Hrsg.), "Weltwissen - Wissenswelt: Das Globale Netz von Text und Bild", Köln: DuMont, 2000, S. 104). Die ursprüngliche Klage aus Südkorea - "Da sich die Menschen mehr auf die Informationssuche als auf das Erinnern verlassen, entwickelt sich die Gehirnfunktion des Suchens, während sich die Gedächtniskapazität vermindert." - deutet an: Das Phänomen der "digitalen Demenz" scheint ein Kind ebendieser Wissensrevolution zu sein.
Der Stammbaum erlaubt mir einen weiteren Versuch der groben Einordnung, diesmal in freier Anlehnung an Virilio. Als Parallele zum Schrumpfen geografischer Distanzen, parallel zur Eroberung des Raums, die noch keineswegs die Aufhebung emotionaler und kultureller Distanzen bedeutet, zeichnet sich ab, dass die ständige Verfügbarkeit, der 'just in time'-Zugriff auf "Informationen" noch lange kein "Verständnis" für die Sache selbst fördert.
Ist diese Kritik der Beschleunigung und Verdichtung ein entferntes Echo der Warnungen Platons? Dieser hätte in Antwort auf Virilios Beobachtungen vielleicht ein weiteres Mal seinen Sokrates sprechen lassen. Dessen Worte, in die Gegenwart geholt: Ist das Wissen einmal festgehalten, so schweift dieses Wissen auch überall gleichermaßen unter denen umher, die es verstehen, und unter denen, für die es nicht gehört, und versteht nicht, wem es verfügbar sein soll und wem nicht (der Wortlaut des Originals im "Phaidros", 274 d-e; S. 56).
Virilios Schlussfolgerung: Was uns infolge der zunehmenden Beschleunigung - für ihn: unser Umzug auf den Kontinent der Geschwindigkeit - gen Horizont zu entgleiten droht, ist unsere unmittelbare Erfahrungswelt. Nassehis "radikaler Strukturwandel des Wissens" ist demnach zugleich auch ein radikaler Strukturwandel der Welterfahrung.
Das wäre eine erste Zwischenbilanz ... wäre da nicht - wie bereits zitiert - Foucault. Aus seiner Perspektive gelesen, ließe sich das radikale dieses Strukturwandels nur schwer rechtfertigen; die Aufmerksamkeit gälte stattdessen der kontinuierlichen Ausdehnung einer disziplinierenden Macht. Was für diesen durch und durch pessimistischen Standpunkt spricht: Digitale Demenz ist, so denn die zur Gedächtnisauslagerung notwendige Technik zur Verfügung steht, per se expansiv. Wenn ich weiß, wie ich Wissen abrufen kann, brauche ich mich nur noch auf das "wie?", nicht mehr aber auf das "was?" zu konzentrieren. Als distopische Projektion formuliert: Irgendwann weiß ich nicht mehr (irgendet)was, sondern nur noch (irgend)wie. Alles verschwimmt, ohne Anhaltspunkte. Jeder hat von allem Ahnung, richtig ist das, was mir nach schnellem Vergleich abrufbereit zur Verfügung steht. Damit bin ich wunderbar empfänglich für weitere Disziplinierungsmaßnahmen.
(Mindestens) Zwei Standpunkte kann man hier also vertreten: "Digitale Demenz" als Zeichen der vielgepriesenen Demokratisierung und Emanzipierung von Wissen einerseits; "digitale Demenz" als Beweis für eine fortschreitende Disziplinierung, eine Unterwerfung unter die kapitalistisch-technokratischen Vorzeichen der Beschleunigung und Verdichtung andererseits.
"Sie können sicher sein, dass Ihre Erinnerungen auf der 'Kodak Picture-CD' im Handumdrehen bestens aufgehoben sind." (SB-Digitalbilddrucker im Rossmann)