Randbemerkungen: Zur re:publica 08

Ich merke: ich bin recht flatterhaft in meinem Rückblick auf die re:publica 08. Der Versuch, die besuchten Vorträge und Workshops in geordneten Gedanken zusammenfassen und meinen Gesamteindruck „angemessen“ kritisch festzuhalten, will mir bisher noch nicht ganz gelingen. Zum einen bin ich zurückhaltend: Ich kenne die Blog(ger)szene so gut wie gar nicht. Mir fehlt schlicht und ergreifend die Erfahrung, um ein richtiges, d.h. gerechtes Urteil über diese Konferenz formulieren zu können. Als ein Jemand, der sich dort ohne weiterreichende Absicht, soll heißen: aus tiefem Interesse an einigen der angekündigten Vorträge bewegt hat, habe ich sicherlich nur an der Oberfläche gekratzt; vieles, vielleicht sogar das Eigentliche der re:publica, wird mir entgangen sein. Andererseits will ich meine teilweise Enttäuschung nicht leugnen: 1) Ihrem Titel nach vielversprechend klingende Workshops wie "Elektronisch gestützte Beteiligung (E-Partizipation) - symbolische Politik oder echte Mitbestimmung?" boten wenig Arbeitsbasis: Sie waren keine Bestandsaufnahme, sondern Projektpräsentationen, bei denen mich die Professionalität der Referenten erschreckte. Man zeigte und warb für das, was man selbst geleistet hat - und fragte nur andeutungsweise nach dem, was insgesamt zu leisten bleibt, überhaupt zu leisten wäre. Daher: Professionelle Netzwerke und Kontaktknüpferei waren mir in der Vergangenheit schon immer suspekt. Man "kennt sich" und tauscht seine Daten aus, und hört dann einfach ganz unverbindlich voneinander. Das erinnert mich zu sehr an Xing, wo jeder mit jedem gleich "befreundet" ist und mit soundsovielen indirekten Kontakten prahlt. Aus meiner Sicht ist das reine "Assetsteigerung", wie man im Jargon der Netzaffinen zu sagen pflegt.

2) In den Vorträgen fehlte mir in der Regel nicht nur der Bezug zur „kritischen Masse“, der die drei Tage gewidmet sein sollten; vielen Diskussionen und Workshops mangelte es an grundlegender medientheoretischer oder –philosophischer Verankerung. Bereits Viktor Mayer-Schönbergers Auftakt schien das vorwegzunehmen und ist (leider!) auch den bisherigen Rückmeldungen, die über den Blog-Spiegel des re:publica-Wiki bereits verlinkt sind, entgangen: Der von Mayer-Schönberger beworbene Mehrwert des Vergessens ist selbst so lange dekontextualisiert, wenn er nicht in den Zusammenhang größerer, vielleicht paralleler? – gerade das wäre ja zu fragen! – Umbrüche wie den der „digitalen Demenz“ gerückt wird. Denn der Ruf nach einem Verfallsdatum für Informationen lässt sich durchaus historisieren. Ist das Wissen einmal festgehalten, so schweift dieses Wissen auch überall gleichermaßen unter denen umher, die es verstehen, und unter denen, für die es nicht gehört, und versteht nicht, wem es verfügbar sein soll und wem nicht. Das ist keine Vorwegnahme, die einer (hoch)modernen Datenrevolution gilt: es sind die (leicht abgeänderten) Worte Platons (der Originalwortlaut im "Phaidros", 274 d-e; S. 56).

Die Interpretationsunsicherheit aber verrät, wie sehr wir Zeugen und Betroffene einer – wie auch immer genauer zu bestimmenden, aber dennoch tiefgreifenden – Wissensrevolution sind. Anstatt vorschnelle Forderungen aufzustellen, sollte unsere Energie den Einschätzungen, den Analysen, der nur schwer möglichen Trennung des Gefühlten vom Erlebten dieser Umwälzungen gelten. Wie es in der Diskussion zur Konkurrenz zwischen Journalisten und Bloggern hieß: Man wünschte sich, die Blogger würden gelegentlich den ein oder anderen Augenblick länger reflektieren, bevor sie sich in Worte fassen.

Neuen Horizonte könnte man – vielleicht? – unter der Rede von einer „antiquarisierenden (Hoch-)Moderne“ verschlagworten: Wenn wir tatsächlich in Gefahr laufen, das Vergessen zugunsten der Bewahrung gläserner Erinnerungen zu vernachlässigen, sorgt nicht nur Platon, sondern auch Nietzsche für unterhaltsame Lektüre. Letzterer dachte mit Mayer-Schöneberger in dieselbe Richtung, als er in seinem Aufsatz "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben" dazu aufforderte: Denkt [...] das äußerste Beispiel, einen Menschen, der die Kraft zu vergessen gar nicht besäße, der verurteilt wäre, überall ein Werden zu sehen: ein solcher glaubt nicht mehr an sein eigenes Sein, glaubt nicht mehr an sich, sieht alles in bewegte Punkte auseinanderfließen und verliert sich in diesem Strom des Werdens [...] (S. 99). Nietzsche schlussfolgert: Der antiquarische Sinn eines Menschen [...] hat immer ein höchst beschränktes Gesichtsfeld; das allermeiste nimmt er gar nicht wahr, und das Wenige, was er sieht, sieht er viel zu nahe und isoliert; er kann es nicht messen und nimmt deshalb alles als gleich wichtig und deshalb jedes einzelne als zu wichtig. Dann gibt es für die Dinge der Vergangenheit keine Wertverschiedenheiten und Proportionen, die den Dingen untereinander wahrhaft gerecht würden; sondern immer nur Maße und Proportionen der Dinge zu dem antiquarisch rückwärts blickenden einzelnen [...]. Hier ist immer eine Gefahr sehr in der Nähe: endlich wird einmal alles Alte und Vergangne, das überhaupt noch in den Gesichtskreis tritt, einfach als gleich ehrwürdig hingenommen [...] (S. 116-117).

Und die Prognose? Nur Lumpen und bunte Flicken: wir sind dann keine Menschen [...] sondern nur eingefleischte Kompendien und gleichsam konkrete Abstrakta [...] historische Bildungsgebilde, ganz und gar Bildung, Bild, Form ohne nachweisbaren Inhalt, leider nur schlechte Form, und überdies Uniform (S. 131, 132).

Vorläufig bleibt daher vielleicht festzuhalten: Die Untersuchung des Vergessens zeigt, dass das individuelle Gedächtnis im Angesicht einer beschleunigten technischen Perfektionierung (das elektronische Archiv als Gedächtnis) einerseits seine Orientierungsfunktion, aber andererseits auch seine Ohnmachten und Unbeherrschbarkeiten nicht verliert (Stefan Hesper, „Gedächtnis“, in: Metzler-Lexikon Kultur der Gegenwart: Themen und Theorien, Formen und Institutionen seit 1945. Hrsg. Von Ralf Schnell. Stuttgart, Weimar: Metzler, 2000, S. 171-173, hier: S. 172).





[Seitenangaben gelten für: F. Nietzsche, "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben", in: Unzeitgemäße Betrachtungen. Frankfurt (Main): Insel, 2000]

mspro hat gesagt… said:

6. April 2008 um 19:34  

1. Du hast natürlich recht. Es geht da nicht in erster Linie um die Vorträge. Mir jedenfalls nicht. Es gibt Menschen, die ich schätze, nur weil ich sie regelmäßig lese. Die zu treffen und mit ihnen zu quatschen, ist ein wahnsinnig tolles Gefühl.

2. Volle Zustimmung bei dem Vergessen-Vortrag. Dieses komplett unreflektierte: "Menschen vergessen, weil die Biologie und so" ging mir tierisch auf den Geist. Deine Kontextualisierung finde ich übrigens super. So viel hätte ich nicht mal erwartet von dem Mayer-Schönberger. Nur ein bisschen mehr Vorsicht bei den Themen Gedächtnis und Vergessen. Es ist ja nicht so, als wüssten wir schon was das ist.

3. Von den Pannels hab ich mir insgesamt vielleicht fünf gegeben. Fast keinen von vorne bis hinten, obwohl es recht spannend gab. Kann man sich ja alles auch nachträglich geben. (Bin schon den ganzen Tag dabei.) Z.B. aber auch den tollen Livepodcast mit Peter Glaser.

4. Dass da viele Selbstvermarkter rumliefen ist auch klar. Immerhin hat man hier ne ganze Menge Multiplikatoren rumlaufen. Aber die müssen einen ja nicht groß stören. Ich hab mich vor allem mit den Leuten getroffen und unterhalten die ich sowieso schätze. Bloggen heißt ignorieren lernen. ;)

Willyam hat gesagt… said:

8. April 2008 um 10:42  

zu 1) Es gibt Menschen, die ich schätze, nur weil ich sie regelmäßig lese. Genau aus dem Grund habe ich mich doch so sehr gefreut, Dich mal "persönlich" kennenzulernen. Wer noch fehlt: nerone und Herr Gumbricht fallen mir auf Anhieb ein.

zu 2) Ich kann nur immer wieder unterstreichen, wie wichtig mir solche Kontextualisierungen sind. Die Gegenwart ist oft sehr viel "unrevolutionärer", wenn man sie im Licht der Vergangenheit betrachtet. Was mich nur stutzig macht: Den Bezug zu Platon und Nietzsche hab' ich in einem medienwissenschaftlichen Seminar aufgegriffen, nicht aus einer Philosophie-Veranstaltung. Diese Spuren müssten dieser technikbegeisterten Masse doch nicht entgangen sein ...

zu 3) stimmt. Werd' mich Deiner Empfehlung widmen!

zu 4) Ja, sie müssen einen nicht stören. Aber als stillem Beobachter sind sie mir nicht entgangen. Vielleicht hab' ich mir das Ganze einfach sehr viel "grass-rootiger" gewünscht.

nerone hat gesagt… said:

16. April 2008 um 06:57  

Hallo willyam,

na das müsste sich doch mal machen lassen. ob ich zu so einem blogevent jemals antanzen werden, kann ich nicht sagen. die meist zur falschen zeit am falschen ort. aber irgendwie kriegen wir das schon hin. hab ein wenig familie in berlin... ich melde mich dann mal an. Oder, so wie ich es ja gerade ins Netz schreie, der gestresste Großstadtmensch kommt in die Provinz um südlich von Todtnau über Heideggers Schuld und Dneken zu philosophieren...

Willyam hat gesagt… said:

19. April 2008 um 20:19  

Da bitte ich doch sehr darum: Ein Besuch in Berlin mit ein zwei persönlich ausgetauschten Worten wäre wirklich sehr groß! Und die von Dir vorgeschlagene Alternative bleibt im Hinterkopf notiert ... :-)