Was haben postmoderne Kulturwissenschaften und BWL gemein? Eben - nicht das geringte. Postmoderne Theorien unterliegen einer doppeldeutigen "Disziplinierung", die zu ihrer hermetischen Selbstbegrenzung einerseits, zu ihrer Professionalisierung und Konsolidierung mit dem universitären Fächerkanon andererseits, geführt hat. Folge dessen ist, dass wir als Kulturwissenschaftler nie in die heutige akademische BWL gegangen sind, um ganz konkret ihr Denken, ihre Logik, ihre Sprache zu hinterfragen, obwohl sie doch eines der offensichtlichen "Machtzentren" dessen ist, was wir beharrlich kritisieren: "die" Wirtschaft, "die" Globalisierung etc. pp. Natürlich: gelegentlich plaudern Menschen wie der ehemalige Weltbank-Chef Joseph Steglitz aus dem Nähkästchen (siehe sein Globalization and its Discontents) und werden dankbar in den Reihen der Kapitalismuskritiker aufgegriffen. Doch ihren Verurteilungen haftet nur zu oft das Pauschale an. Nicht, dass The Shock Doctrine schlecht recheriert wäre, aber ähnlich wie Michael Moore verfolgt auch sie ein sehr konkretes Programm, das zwischen den Zeilen nachlesen bzw. mit den Bildern abgespult werden kann. Ihre vorgefertigte Meinung scheint mit jedem erneuten Auftritt in der Öffentlichkeit nur neu verpackt, nett umformuliert, durch neue Recherchen bestätigt.
Ich möchte nicht missverstanden werden: Die Beweislast, die beide vorlegen, ist schockierend; macht mich allerdings im gleichen Zug wütend und zynisch. Sie verhärtet die Fronten und verschärft meine Ablehnung, nicht mein Verständnis. Sie untergräbt den Kern einer jeden "guten" Kritik - den mühseligen, offenen Dialog, der nicht zur reinen Anklageschrift, zum rhetorischen Monolog abstumpfen darf. Offene Kritik zeigt mehr auf als die kausalen Zusammenhänge, sondern unterstreicht ihre Ernsthaftigkeit durch den Versuch, die entscheidenden Sachverhalte auch zu erklären. Sie zeigt nicht nur den Bösewicht an, sondern führt auch die Diskurse ein, in denen er verankert ist.
Unter Umständen bin ich also mit den Wirtschaftsstrukturen, den Entscheidungswegen vertraut, verstehe aber nach wie vor wenig von der inneren Logik des modernen Kapitals. Die Kritik an den Exzessen der Wirtschaft muss daher tiefer ansetzen - eben in der BWL selbst. Wenn ich zum Beispiel im Rahmen des TSF mit jungen Wirtschaftwissenschaftlern diskutiere, darf ich mir immer wieder mit dem Brustton vollster Überzeugung sagen lassen, dass Zahlen Objektiv sind. Dass Zahlen und Modelle Sprache sind, implizit also bereits Macht vermitteln, habe ich noch niemandem aufzeigen können.
Worauf diese aus Sicht kulturwissenschaftlicher Perspektive konsequente Unerreichbarkeit der BWL beruht, vermag ich nicht festzustellen; intuitiv klammere ich mich aber an meine vor kurzem gemachte Entdeckung - Bertrand Russells Aufteilung der Wissenschaften in ein technisches und ein geistiges Lager (in: Die Naturwissenschaftliche Geselleschaft, 1931, S. 181): "Die Wissenschaft als geistige Macht ist skeptisch und wirkt etwas destruktiv auf den sozialen Zusammenhalt, während sie als technische Macht genau die entgegensetzten Eigenschaften besitzt. Die technischen Entwicklungen, die den Naturwissenschaften zu verdanken sind, erhöhten Größe und Wirkungsbereich der Organisationsformen und vermehrten insbesondere die Macht der Regierungen."
Die Analogie gefällt mir: Man kann die postmodern angehauchten Zweige der Kulturwissenschaften als "geistige", "destruktive" Kritiker verstehen, die die Autorität eines "technischen", d.h.: machtkonsolidierenden Marktwirtschaftsapparats gefährden. Nur: Um tatsächlich als Kritiker ihren Wirkungsbereich entfaltenzu können, müssen sie eben die Grenze zwischen "geistigem" und "technischem" Lager anvisieren.
Ein Ausbau dieses Bezugs auf Russell (vielleicht) beizeiten, denn auch ohne historische Begründung bleibt der Kern meines Plädoyers erhalten: Die Kulturwissenschaften müssen sich mit der BWL auseinandersetzen, wollen sie mit ihrer Kritik an den Entwicklungen des 21. Jahrhunderts ernsthaft angenommen werden.
Woher diese plötzliche Forderung? Der Schock, der mich nicht allzu langer Zeit ereilt hat, ist nicht der, dass wir nach wie vor über mögliche Lösungen kultureller Probleme zwischen "entwickelter" und "sich entwickelnder" Welt, zwischen Nord und Süd, dem Westen und dem Rest diskutieren; der Schock rührt aus der Einsicht, dass die Konkurrenz nicht so tief und fest geschlafen hat, wie mich der selbstgefällige Gestus der Kulturwissenschaften hat bisher glauben lassen. Denn vor kurzem durfte ich in einem Seminar lernen, dass die Marketingexperten in der BWL aufgewacht sind. Foucault, Derrida, postmoderne Identitätskonstruktion - das alles wird gerade in den Martketing-Fachbereichen aufgekocht, um veraltete Patentrezepte und Warenkreislaufanalysen in die Gegenwart zu holen. Freilich nicht aus Gutmenschentum, nicht, um um Gerechtigkeit und Gleichheit und Demokratie zu ringen, sondern um die Profitabilität zu erhöhen. Die Postmoderne: endgültig enthistorisiert und zum Konsumtrend degradiert. Passende Andeutung liefert das Trendbüro mit seiner Beschwörung des "Karmakapitalismus". Identitätskonstruktion wird Konsumentenkonstruktion.
Setzt sich diese Entwicklung, diese Vereinnahmung fort, sehe ich - radikal gesprochen - folgendes Problem, das in sich bereits ein Potential zur Krise birgt: die postmoderne Kulturwissenschaft hat sich selbst überholt bzw. überholen lassen. Sie hat sich offenbar innerhalb ihres eigenen "Mainstreams" nie selbst hinterfragt und ist akademische "Lebenswelt" geworden. Sie wiederspricht sich damit von Grund auf selbst, denn sie hat sich nie selbst dekonstruiert/konstruieren wollen/können. Anstatt ihre Grenzen beständig zu verlagern, hat sie sie nur gefestigt - innerhalb der Kulturwissenschaften. Als "geistige Macht" hat sie sich im Ansatz nie den "technischen Mächten" genähert, sogar: diese Annäherung niemals in Erwägung gezogen. Ihrer scheinbar bevorstehenden Vereinnahmung durch die BWL geht ihre Vereinnahmung durch sich, ihre Voreingenommenheit mit sich selbst, ihr Solipsismus, voran.
Wenn schon die Institutionen, die wir kritisieren, in der Lage sind, unsere "Waffen" gegen uns zu richten, könnte man von hier aus gar die Qualität bzw. die grundlegende Existenz der Postmoderne an sich anzweifeln. Spekulation: Vielleicht ist sie Übergangsstadium, weder Moderne noch wirkliche Nach-Moderne, sondern eine ansatzweise selbstreflexive Moderne, eine Metamoderne - "Moderne 2.0", wenn man so wollte (insbesondere sobald sie aus der Perspektive der Wirtschaft so wahrgenommen werden wird). Der Begriff allein ist bereits eine Metonymie, mit der niemand weiß, was eigentlich bezeichnet werden soll/will; ihre Diskurse sind so elitebezogen, dass man nur selten außerhalb der Feuilletonseiten von "der postmodernen Gesellschaft" spricht.
Wie einer meiner Dozenten meinte: "Viele Ansätze waren vor 15 Jahren sehr originell, nun woll wir sehen, ob jemandem noch Neues einfällt oder ob wir noch 20 Jahre die immer gleichen Schlagworte nachreden werden." Ich bin begeistert und fühle mich zugleich hilflos gegenüber dieser vorläufigen Grenze, an die ich gestoßen zu sein scheine. Die Verschlossenheit, diese "Disziplinierung" und Professionalisierung zu umgehen, das Feld auszudehnen - das allein scheint mir im Moment noch sinnvoll. Vielleicht finden wir hier neue Schlagworte, neue Argumente, neue Handlungsimpulse?
In den Höllenschlund der BWL?
at 16.12.07 Posted under Denkschubladen: Auswege, Bestandsaufnahme, die Postmoderne: historisiert, Wissenschaftstheorie
Edelanarchismus - Historisierung der Postmoderne
at 13.12.07 Posted under Denkschubladen: Bestandsaufnahme, die Postmoderne: historisiert
"Wie die Postmoderne beschreiben?" ist ja weitaus mehr als eine einfache Frage nach dem Kern dieser unbestimmbaren Denkbewegung - sie verweist im Grunde einmal mehr auf das im Kern bestehende Problem der Kluft zwischen Wort und Tat, Denken und Handeln hin: Ein Beantwortungsversuch, der beschreibt, was oder wie man postmoderne Diskurse denkt, beleuchetet noch lange nicht, wie man in ihnen handelt. Vielleicht beleuchtet er gerade das: dass man in ihnen nicht handelt. Edelanarchisten möchte ich daher die vielen Beteiligten (einschließlich meiner selbst) fast nennen, und die Beleidigung ist gar nicht so überbemessen. Man predigt politisches Bewusstsein, erklärt sich der Komplexität der Welt gegenüber aber vorschnell schachmatt. Man will ja das erkannte Unrecht - wenn es denn überhaupt jemals eindeutig Unrecht ist - nicht noch weiter schüren.
Diese Denkschule zu historisieren, ist einen Versuch wert. Eine Stammbaumrecherche powered by google deckt die Verwandtschaft mit großen Vorbildern auf. Selbstgefällig könnte man da beispielsweise aus Bertrand Russells Das naturwissenschaftliche Zeitalter (1931) zitieren. Er schreibt dort über den "idealistischen Tatmenschen", der sich "[...] von dem Mann mit persönlichem Ehrgeiz dadurch [unterscheidet] daß er nicht bloß für sich bestimmte Dinge wünscht, sondern auch eine bestimmte Gesellschaft." Doch Vorsicht! - mit seinen Worten kann ich mich nur dann anfreunden, wenn ich nicht allzu streng nach dem Tatmenschen in mir frage. Denn: "Die meisten Idealisten stellen eine Mischung zweier Typen dar, des Träumers und des Tatmenschen. Der reine Träumer ist ein Narr, der reine Tatmensch strebt nur nach persönlicher Macht, der Idealist jedoch lebt in einem Zwischenraum zwischen diesen beiden Extremen. [... D]er Tatmensch fühlt sich stark genug, eine neue [Welt] zu erschaffen, während sich der Träumer gehemmt fühlt und in das Reich der Phantasie flüchtet" (S. 200-201). Folgt man Russell, wären der Großteil der postmodernen Denker nichts als intellektuelle Tagträumer: sie halten sich für Idealisten, entpuppen sich alsbald aber als handlungsgehemmte Weltflüchtlinge. Als Skeptiker halten sie an ihrem Glauben an die Wissenschaft als "geistige Macht" fest, während es die Macher sind - diejenigen, die die Wissenschaft als "technische Macht" verstehen (S. 181) - die Russell zufolge die wissenschaftliche Gesellschaft formen werden.
In ihrem Passivismus erinnern sie neben Russells idealistischem Träumer allerdings an ein weitaus zwiespältigeres Vorbild: den Antihelden der Décadence-Literatur Jean des Esseintes, den Joris-Karl Huysmans in Gegen den Strich (1884) entwirft. Ja - ich halte die Postmoderne für dekadent. Für dei Aufgabe, die parallelen Dimensionen aufzuzeigen, reicht meine derzeitige Aufmerksamkeit nicht; daher nur eine kurze, gedankenanregende Einführung.
Der Begriff "Décadence" spricht über den reinen Verweis auf eine bestimmte Literaturgattung hinaus "ein umfassendes Lebensgefühl, eine besondere Daseinsform" [1] an. Auf welcher Basis sie ihre Position entwickelt, macht der soziale und politische Rückblick auf die letzten Jahrzehnte vor der Jahrhundertwende deutlich: Man hört von einer "Zeit der inneren Widersprüche" in "einer vom atemberaubenden Fortschritt erschütterten Welt", die alsbald ein "Nebeneinander von befürchtetem Ende und erhofftem Neuanfang" aufwirft [2]. Die Ursachen dieser Entwicklungen mögen vielseitig sein, die seitens der Décadents aufgesuchten Begründungen bleiben jedoch stets dieselben: "Ein epigonal wirkender [...] Imperator, eine sich durch die erste industrielle Revolution in immer stärkerem Tempo zivilisierende Gesellschaft, die Geld- und Genußgier der Herrschenden und Besitzenden [...]" [3] bilden die zentral wiederkehrenden Ansatzpunkte in den Analysen zur Lage der "opportunistische[n] Republik" [4]. Doch der Eindruck, den die Lektüre Huysmans prägt, ist tiefer verwurzelt. Er geht weit über einen fehlenden Fortschrittsenthusiasmus oder mangelnden Zukunftsoptimismus hinaus und lässt sich in beispielhaften Zitaten wie dem folgenden ablesen:
Und dann war der zerrüttete Adel zugrunde gegangen, die Aristokratie war in Schwachsinn oder Unflat umgekippt. Sie erlosch im geistigen Verfall ihrer Nachkommen, deren Fähigkeiten mit jeder Generation abnahmen und zu Gorillainstinkten verkamen, gärend in Schädeln von Stallknechten und Jockeys; oder sie wälzte sich wie die Choiseul-Praslin, die Polognac, die Chevreuse im Schmutz von Prozessen, die sie den anderen Klassen an Schändlichkeit ebenbürtig werden ließ. [...] Die am wenigsten Gewissenhaften, die am wenigsten Stumpfen streiften jegliche Scham ab; sie versumpften im Lotterleben, wirbelten den Schlamm der Affären auf, erschienen wie gemeine Gauner vor der Hebung der menschlichen Gerechtigkeit, die, außerstande, sich stets ihrer Parteilichkeit zu begeben, sie schließlich zu Bibliothekaren in den Zuchthäusern ernannte. (Gegen den Strich, S. 243-244).
Das "Dekadente" dieses Auszugs liegt nicht nur, wie man meinen kann, in dem zutiefst verschmähendem, beleidigendem Ton, in der verächtlichen, radikalen Ablehnung und Aburteilung der grundlegenden Verschiebungen, deren Zeuge er ist; "dekadent" ist seine durch Rousseau geprägte Sichtweise, diese Umwälzungen, die das Frankreich des späten 19. Jahrhunderts erfasst haben, als unwiderlegbare Anzeichen eines mehr oder weniger unmittelbar bevorstehenden gesellschaftlichen Verfalls zu deuten. Versteckt in der Art und Weise, wie er über seine Zeit reflektieren, spricht er zugleich auch seine tiefe Betroffenheit über diese altvertraute, im Kern jedoch bereits verloren geglaubte Ordnung aus. Gemeinsam mit einer "[...] ganze[n] Generation von Künstlern und Schriftstellern [... leidet er] über ein kleinliches Gesellschafts- und Zeitgemäkel hinaus an einem rational nur schwer zu erfassenden Ennui, Spleen, melancholischen Sinn [...]" [5]. Die Verständniskluft zwischen dieser "verlorenen Generation", die "[...] zum Umgang mit kollidierenden Lebenswelten verdammt" [6] ist, und einer euphorisch gestimmten Gesellschaftsmehrheit droht sich um so mehr zu vertiefen, desto radikaler die Décadents ihre Minderheitsperspektive formulieren. Huysmans "[...] haßt [alsbald] seine Epoche, haßt das 19. Jahrhundert, das ihm banal, oberflächlich, amerikanistisch und vor allem vulgär und materialistisch erscheint" [7]. Berührungspunkte mit der sich schrittweise demokratisierenden und kommerzialisierenden Gesellschaft scheinen inexistent: Gerade die Demokratisierung vieler Lebens- und Schaffensbereiche, insbesondere der Kunst, lehnen die ‚dekadenten’ Künstler und Schriftsteller entschieden ab – nicht prinzipiell, sondern weil man "[d]as Unbehagen, ja [... den] Ekel an der selbstgefälligen Bourgeoisie-Kultur, an diesen ‚Orgien der Mittelmäßigkeit und Saturnalien der Dummheit’" [8] unerträglich glaubt und zu meiden sucht.
... Na - wer fühlt sich angesprochen? ...
[1] Anne Amend-Söchting, Ichkulte: Formen gebündelter Subjektivität im französischen Fin-de-siècle-Roman, Heidelberg: Winter, 2001, S. 24.
[2] Amend-Söchting, S. 22-23.
[3] Erwin Koppen, Dekadenter Wagnerismus: Studien zur europäischen Literatur des Fin de siècle, Berlin, New York: de Gruyter, 1973, S. 19.
[4] Amend-Söchting, S. 32-35.
[5] Maria Moog-Grünewald, "Kunst, Kunstkritik und Romanschaffen", in: Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft, Bonn: Bouvier, Bd. 31/2 (1986), S. 246-263., hier: S. 256-257.
[6] Amend-Söchting, S. 20.
[7] Moog-Grünewald, S. 253.
[8] Ebd.; siehe auch Koppen, S. 39, der seine Position ähnlich formuliert.
Privilegierte Perspektive
at 11.12.07 Posted under Denkschubladen: Bestandsaufnahme, Globalisierung, Podcasts, Zu laut gedacht - Irritationen im O-Ton
Irritierend ist er ja für mich, der Herr Friedman. Die Welt verflacht also, behauptet er mit seinem neuen Bestseller, The World is Flat. Womit er keinesfalls seicht, auf Englisch: "shallow", gemeint wissen will. Ich habe ihn ja bereits in einem früheren Post mit folgenden Worten zitiert:
I always say, in this globalization system there is just one road; […] and it’s the road, I believe, of free markets, of liberalized markets, and liberalized politics. But there are many speeds […]. There’s one road, and there’s many speeds. But promise me you just won’t do one thing – not go down the road at all. If you do that, I promise you, you’ll bring nothing but ruin and devastation to your people. [1]
Diesen belehrenden Ton hat er nach wie vor nicht abgelegt, im Gegenteil: wohl eher verstärkt. Da sich inzwischen vereinzelte Inseln kartographieren lassen, auf denen die Bewegung, die Europa und Nordamerika mit dem Begriff Globalisierung zu fassen versuchen, Wurzeln gefasst hat, predigt er mit noch wortgewaltigerer Vehemenz von der Notwendigkeit des "gemeinsamen" Wegs - Kapital global. Wobei er stets nur von einer sehr eingeschränkten "Gemeinsamkeit" spricht - der des wirtschaftsliberalen Wettbewerbs. Geteiltes Wirtschaftssystem, aber kein geteiltes Leid. Sein polarisierendes Patentrezept: Man lausche wiederum den Patentrezepten des International Monetary Fund und der Weltbank. Hört man auf Naomi Klein und den Human Rights Watch, gehört man gleich in den albernen Karnevalszug der "Gegner". You're either with us, or against us, will er damit wohl deutlich machen.
Seiner militanten Aufteilung verleiht er in seinem Buch neuen Ausdruck und macht den (in seinen Augen wohl) ernsthaften Versuch, den Begriff der "Dritten Welt" auszurangieren. Die Globalisierung, bitte sehr, hierarchisiert anders: Fortan gibt es nach seinen Worten "nur noch" schnelle und langsame Regionen, "fast and slow worlds".
Ich höre Jens Riwa und Anne Will schon von Hungerkatastrophen in der langsamen Welt berichten.
Ich kann den Eindruck nicht leugnen: Trotz seiner ausführlichen Auslandsreisen scheint mir Herr Friedman mit seiner Perspektive fest im schnellen Amerika verhaftet geblieben zu sein. Da die Welt dort für ihn flach ist, fehlt es ihm an Weitsicht. Und so verwundert es kaum, dass seine Bestandsaufnahme wenig Tiefgründigkeit vermittelt - die horizontale Kurzsicht scheint offenbar sehr vielversprechende Perspektiven zu eröffnen. Es lebe der Liberalismus; wir Schnellen können ihn uns ja leisten.
Links: Tom Friedman bei den New York Times
[1] “Terrorism May Have Put Sand in its Gears, but Globalization Won’t Stop.” Tom Friedman, interviewed by Nayan Chanda, YaleGlobal, February 3rd, 2003, http://yaleglobal.yale.edu/display.article?id=870.
Über Digitale Demenz
at 28.11.07 Posted under Denkschubladen: Alltagskultur, Bestandsaufnahme, medientheoretisches
"The more I study, the more I know; the more I know, the more I forget; the more I forget, the less I know - so why study?"
Eines der Phänomene, das unsere globalisiert-schnelllebige Zeit offenbar ereilt, sickert nach und nach aus Richtung Südkorea in unser Bewusstsein: Die Generation Google ist, so Florian Rötzer am 11.06.07, "digital dement". In zunehmendem/r Masse "outsourcen" wir inzwischen unsere Gedächtnisse - Zeugnis davon, dass unsere technologische Beschleunigung durchaus auch beunruhigende kulturelle Beschleunigungen provozieren kann. Epitom ist das Mobiltelefon, das inzwischen längst mehr ist als nur tragbares Telefon. Es ist Terminkalender; Telefonbuch; Adressbuch; digitale Blitzlichtkamera mit kleinem Bildbearbeitungsprogramm; Wecker; Radio und mp3-Spieler; Diktiergerät; Spielkonsole; Mini-PC für's sporadische Surfen & Emailing; Newsticker; Navigationsgerät und zukünftig vermutlich auch Kreditkarte und Personalausweis. Mobile "13 in One"-Technologie. Wehe aber, sie versagt uns ihre Dienste. Weil wir scheinbar alle wichtigen, alltagsrelevanten Daten speichern, sichern und auslagern, stehen wir im Ernst(aus)fall wortwörtlich ziemlich "blöde" da: Ohne Nummern, ohne Adressen, ohne Orientierung.
Isoliert betrachtet, erklären die derzeit kursierenden Analysen allerdings wenig. Ursache ist nicht die Verlockung dieser Medien an und für sich, sondern der kulturelle Druck, mit dem eine dienstleistungsorientierte "Wissensgesellschaft" den Einzelnen offenbar bedrängt. Gefragt ist optimales Geschick beim Surfen auf den Wellen der Informationsflut; Dynamik und "life-long learning" anstelle eines inzwischen als statisch und imprägniert wahrgenommenen Wissensgrundstocks. Man muss lediglich "wissen", wie man seine "Tools" effektiv "implementiert". Die monokausale Erklärung koreanischer Mediziner: "Da sich die Menschen mehr auf die Informationssuche als auf das Erinnern verlassen, entwickelt sich die Gehirnfunktion des Suchens, während sich die Gedächtniskapazität vermindert. Eine starke Abhängigkeit von digitalen Geräten vermindert die Fähigkeit, sich zu erinnern." Zunehmende Flexibilisierung hat, so scheint es, ihren Preis.
Während man diese Beobachtung beklagen kann, schlage ich eine Verschiebung der Perspektive vor, um im Schnelldurchlauf mögliche kulturelle Hintergründe auszuschraffieren. Für Foucault war u.a. auch die Fabrik ein Ort der Disziplinierung, der Erziehung, eine Institution, die nur ein Kernfach kennt: die Didaktik der Macht. Was für die Arbeit seit ihrem Umzug in die Maschinenhalle gilt, lässt sich mit (sogar: unerträglicher!) Leichtigkeit auf das Steuerbüro und die Kreativagentur übertragen: Ich lagere mein Gedächtnis aus, damit mein Kopf frei für meine aktuelle Aufgabe ist - ich lebe im Fluss (Neudeutsch: flow), mit konzentriertem Blick auf die im Hier und Jetzt zu erledigende Arbeit. Ich bin der rationalisierte, entindividualisierte Mensch. Reine, kompakte Arbeitskraft, flexibler vielleicht als am Fliessband, aber nichtsdestotrotz diszipliniert.
Der Erklärungsversuch bleibt allerdings nur halbherzig, beschränkt man sich allein auf diese Aktualisierung Foucaults (die, vermute ich stark, ohnehin bereits vorgenommen worden ist). Denn die Vernachlässigung / aus foucault'scher Sicht: Disziplinierung des Gedächtnisses verläuft in zwei Richtungen zugleich und verändert grundlegend unser Verhältnis sowohl (1) zum Erinnerten (dem Vergangenen) als auch (2) zum zu Erinnernden (dem (bald) Anstehenden). Beinahe zwangsläufig spürbarer, vermute ich, ist der Wandel im Umgang mit dem Vergangenen: Um effizient agieren zu können, ist das soeben Vergangene weniger wichtig als das (bald) Anstehende. Ich muss einen Schritt in die Zukunft denken, mir selbst voraus sein, um nahtlos, ohne Pause, ohne Verzug, an die Gegenwart anknüpfen zu können. Mein Leben ist so dicht, dass ich, kaum angekommen, immer schon wieder "auf dem Sprung" bin, selten zur Rast komme. Es scheint die Umkehrung dessen eingetreten zu sein, was man mit der Erfindung der Eisenbahn befürchtete: War es damals die übertriebene Angst, dass die Seele mit der ungeheuren Geschwindigkeit des beschleunigten Körpers nicht Schritt halten könne, ist es heute die Ungeduld vor dem Stillstand, die den Verlust unserer Bodenhaftung provoziert.
Beschleunigung und Verdichtung, Rationalisierung und Funktionalisierung scheinen also die Paradigmen zu sein, auf die es die eigentliche Aufmerksamkeit zu richten gilt. Gedächtnisverlust aus Überforderung oder Disziplinierung - ein Symptom der Moderne? Nein! Die "digitale Demenz", die (post)moderne Gedächtnisauslagerung, hat ihre Vorläufer - aber auch das scheinen wir voreilig vergessen zu haben. Bereits Platon versucht die Auswirkungen der Schriftkultur auf Gedächtnisleistung und Wissensqualität auszuloten. In einem fiktiven Dialog lässt er Sokrates vom sogenannten Mythos von Theuth berichten, der der altägyptischen Erzählung nach das Alphabet, und damit folglich das Schreiben und die Schrift erfunden haben soll. Die Kritik des regierenden Königs Thamus fällt für unsere heutigen Ohren ungewöhnlich scharf aus: "Denn diese Erfindung wird den Seelen der Lernenden [...] Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung der Erinnerung, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittels fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden. Nicht also für die Erinnerung, sondern für das Erinnern hast du ein Mittel erfunden, und von der Weisheit bringst du deinen Lehrlingen nur den Schein bei, nicht die Sache selbst" (Platon: "Phaidros", 274a, hier in: Sämtliche Werke, Bd. 4, Hamburg 1958, S. 55)
Vertraut man auf Platons Darstellung, hat man also bereits im 4. vorchristlichen Jahrhundert die Drohung einer bevorstehenden Gedächtnisauslagerung gespürt - aufgrund der Verbreitung eines Mediums, das als Grundstein unserer seitherigen Kultur gilt! Ohne die Leistung Gutenbergs nicht denkbar, wird danach erst unser 19. Jahrhundert wieder Zeuge eines quantitativen Wissenssprungs, einer "Informationsflut". Erneut müssen sich Wissenschaftler, insbesondere Historiker, über die Grenzen des zu bewältigenden Wissens verständigen, denn die schnell wachsende Anzahl an Veröffentlichungen überfordert die bisherigen Rechtfertigungsdogmen "objektiver" Erkenntnismethoden. Doch wie der Herausforderung begegnen? Nietzsches kategorische Antwort: "Nur soweit die Historie dem Leben dient, wollen wir ihr dienen [...]" (F. Nietzsche, "Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben", in: "Unzeitgemäße Betrachtungen", Frankfurt (Main): Insel, 2000, S. 95).
Ist das "all just a little bit of history repeating"? Es ist verlockend, den Refrain mitzusummen, doch im Grunde passiert hier mehr. Der Verweis auf Platon, Nietzsche, Foucault und die (zumindest für den Augenblick einzuräumende) Unvereinbarkeit ihrer Positionen macht einmal mehr deutlich, wie zerbrechlich und unangebracht teleologische Konstruktionen sind. Auch wenn sich die Befürchtungen über die "digitale Demenz" historisieren lassen, dürfen ihre eigenständigen Dimensionen nicht ausgeblendet werden. Oder doch?
Wie offenbar schon zu Platons und Nietzsches Zeiten sehen wir uns offenbar mit einem "radikalen Strukturwandel des Wissens" konfrontiert: "Wissen wird nicht einfach abgerufen, nicht von einem wohlbekannten Ort her bezogen, sondern muss eher gesucht und durch individuelle Auflösungs- und Rekombinationsstrategien jeweils neu hergestellt werden. [...] Die unübersichtliche Fülle von Informationen, die weltweit zur Verfügung steht und abrufbar ist, setzt förmlich voraus, dass wir unsere Fragen und unseren Bedarf an Wissen andauernd assoziativ und mit kreativem Blick für weiterführende Links in Echtzeit neu überdenken. [...] Informationen [bezieht man] auf die eigene Perspektive [...] und [formt sie] zu relevantem Wissen um[...]" (Armin Nassehi, "Von der Wissensarbeit zum Wissensmanagement - Die Geschichte des Wissens ist die Erfolgsgeschichte der Moderne", in: Christa Maar u.a. (Hrsg.), "Weltwissen - Wissenswelt: Das Globale Netz von Text und Bild", Köln: DuMont, 2000, S. 104). Die ursprüngliche Klage aus Südkorea - "Da sich die Menschen mehr auf die Informationssuche als auf das Erinnern verlassen, entwickelt sich die Gehirnfunktion des Suchens, während sich die Gedächtniskapazität vermindert." - deutet an: Das Phänomen der "digitalen Demenz" scheint ein Kind ebendieser Wissensrevolution zu sein.
Der Stammbaum erlaubt mir einen weiteren Versuch der groben Einordnung, diesmal in freier Anlehnung an Virilio. Als Parallele zum Schrumpfen geografischer Distanzen, parallel zur Eroberung des Raums, die noch keineswegs die Aufhebung emotionaler und kultureller Distanzen bedeutet, zeichnet sich ab, dass die ständige Verfügbarkeit, der 'just in time'-Zugriff auf "Informationen" noch lange kein "Verständnis" für die Sache selbst fördert.
Ist diese Kritik der Beschleunigung und Verdichtung ein entferntes Echo der Warnungen Platons? Dieser hätte in Antwort auf Virilios Beobachtungen vielleicht ein weiteres Mal seinen Sokrates sprechen lassen. Dessen Worte, in die Gegenwart geholt: Ist das Wissen einmal festgehalten, so schweift dieses Wissen auch überall gleichermaßen unter denen umher, die es verstehen, und unter denen, für die es nicht gehört, und versteht nicht, wem es verfügbar sein soll und wem nicht (der Wortlaut des Originals im "Phaidros", 274 d-e; S. 56).
Virilios Schlussfolgerung: Was uns infolge der zunehmenden Beschleunigung - für ihn: unser Umzug auf den Kontinent der Geschwindigkeit - gen Horizont zu entgleiten droht, ist unsere unmittelbare Erfahrungswelt. Nassehis "radikaler Strukturwandel des Wissens" ist demnach zugleich auch ein radikaler Strukturwandel der Welterfahrung.
Das wäre eine erste Zwischenbilanz ... wäre da nicht - wie bereits zitiert - Foucault. Aus seiner Perspektive gelesen, ließe sich das radikale dieses Strukturwandels nur schwer rechtfertigen; die Aufmerksamkeit gälte stattdessen der kontinuierlichen Ausdehnung einer disziplinierenden Macht. Was für diesen durch und durch pessimistischen Standpunkt spricht: Digitale Demenz ist, so denn die zur Gedächtnisauslagerung notwendige Technik zur Verfügung steht, per se expansiv. Wenn ich weiß, wie ich Wissen abrufen kann, brauche ich mich nur noch auf das "wie?", nicht mehr aber auf das "was?" zu konzentrieren. Als distopische Projektion formuliert: Irgendwann weiß ich nicht mehr (irgendet)was, sondern nur noch (irgend)wie. Alles verschwimmt, ohne Anhaltspunkte. Jeder hat von allem Ahnung, richtig ist das, was mir nach schnellem Vergleich abrufbereit zur Verfügung steht. Damit bin ich wunderbar empfänglich für weitere Disziplinierungsmaßnahmen.
(Mindestens) Zwei Standpunkte kann man hier also vertreten: "Digitale Demenz" als Zeichen der vielgepriesenen Demokratisierung und Emanzipierung von Wissen einerseits; "digitale Demenz" als Beweis für eine fortschreitende Disziplinierung, eine Unterwerfung unter die kapitalistisch-technokratischen Vorzeichen der Beschleunigung und Verdichtung andererseits.
"Sie können sicher sein, dass Ihre Erinnerungen auf der 'Kodak Picture-CD' im Handumdrehen bestens aufgehoben sind." (SB-Digitalbilddrucker im Rossmann)
Liegt Ethik im Auge des Betrachters?
at 19.11.07 Posted under Denkschubladen: Ethik, Fotografie, Kunst, medientheoretisches
Nerone hat vor kurzem (8.11.) sehr beeindruckend über seine Begegnung mit den Fotografien Hiroshi Sugimotos geschrieben, während ich mehr oder weniger zur gleichen Zeit in einem sehr spannenden Seminar zum Thema "Stadt und Fotografie" über die Arbeit Jeff Walls diskutieren durfte. Kaum erstaunlich, dass bei dem Versuch, die Frage nach der Wirkung seiner Bilder früher oder später auf Susan Sonntags "Das Leiden anderer betrachten" Bezug genommen wurde. Ihr Argument scheint mir ein verstärktes Echo der Kritik, die Walter Benjamin in seinem Klassiker "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" festhielt. Für fotografische Aufnahme sei "[...] die Beschriftung zum ersten Mal obligat geworden", schreibt er dort. "Und es ist klar, daß sie einen ganz anderen Charakter hat als der Titel eines Gemäldes [...]": Es sind "[...] Direktiven, die der Betrachter von Bildern der illustrierten Zeitschrift durch die Beschriftung erhält [...]" (meine Betonung; in: Gesammelte Schriften, Frankfurt/Main 1974, S. 485). Die Fotografie kommt ohne Betrachtungsanweisung nicht aus. Susan Sonntag allerdings, schreibt Stephanie Ross in "What Photographs Can't Do" (The Journal of Aesthetics and Art Criticism 41/1, 1982), wollte diesen Direktiven allerdings jegliche Autorität absprechen - zumindest in moralischer Dimension. Weder ethisches noch politisches Wissen, so Sonntag, könne durch ein Bild vermittelt werden.
Während in der Folge über Sonntags Frage, ob "[...] man durch ein Bild [...] dazu gebracht werden kann, sich aktiv gegen den Krieg [- oder gegen jedes andere Leid(en) -] einzusetzen [...]" ("Das Leiden anderer betrachten", S. 104) viel gestritten wird und gestritten werden muss, stelle ich mir gerade eine prinzipiellere Frage: Mich interessiert nicht, was das Medium Foto selbst transportiert (oder nicht transportieren kann), sondern wie stark mein Wissen über den Urheber die Wirkung seiner Fotografie beeinflusst. Wie also trägt das, was Jeff Wall persönlich über seine hochästhetischen Bilder sagt, zu meiner Interpretation seiner Bilder bei? Meine Beunruhigung hat sein Interview mit dem Berliner Tagesspiegel provoziert:
Politische Künstler sind wichtig, aber ich gehöre nicht dazu. Für mich wäre es eher unethisch, wenn ich weniger gute Bilder machen würde, als ich könnte. Das ist meine Ethik: Das Leben der Menschen, die ich als Motiv ausgewählt habe, wirklich zu würdigen. Ich bin empathisch in dem Moment, in dem ich das Bild mache, aber im Alltag würde ich am gleichen Menschen vielleicht achtlos vorübergehen. Für mich ist letztlich wichtig, dass das Bild eine Bedeutung besitzt.So weit, noch/so nachvollziehbar. Seine Antwort auf die darauffolgende Frage aber bringt mich aus der Fassung.
Sie stellen Leiden hochästhetisch dar. Besteht darin kein Widerspruch für Sie?Womit ich mich erstaunt an Walter Benjamins Prognose zurückwenden kann: "In der Photographie beginnt der Ausstellungswert den Kultwert auf der ganzen Linie zurückzudrängen." Aber auch wenn der Kultwert bei Wall noch einmal seine "letzte Verschantzung [...] das Menschenantlitz [...]" beziehen kann, frage ich mich unweigerlich: Untergräbt seine Haltung den "Wert" seiner Arbeit? Sollte ich seine Haltung überhaupt einbeziehen? Oder sie ignorieren? Kann man, darf man sich seiner Arroganz zum Trotz zum mitleidenden Blick hinreissen lassen, also allein das Bild betrachten? Den Autor, seine Motivation, außen vor lassen? Ist die ethische Dimension fotografischer Kunst ausschließlich vom Auge des Betrachters abhängig?
Ich möchte, dass sich der Betrachter an den Bildern erfreut. Alle Kunst ist dafür gemacht, sie ist ein Geschenk. Der Betrachter genießt das Bild und nicht das Thema. Durch das Thema könnte er sich auf die eine oder andere Art zum Handeln genötigt fühlen, aber bei der Betrachtung eines Bildes geschieht dies gerade nicht. Anders als es im realen Leben, wenn wir einem Bettler begegnen und uns schuldig fühlen, goutieren wir bei derselben Person, sobald sie abgebildet ist, die Farben und Formen. Gleichzeitig denken wir, das sei falsch und fühlen uns schon wieder schuldig. Das ist auch das Charakteristische moderner Kunst. In den autoritären Gesellschaften wurde Kunst nur für die Regierenden zur Selbstdarstellung gemacht. Seit Gustave Courbet werden auch die Armen auf eine großartige Weise dargestellt.
Märchen aus dem Zwei-Strom-Land
at 7.11.07 Posted under Denkschubladen: Kultursponsoring
Dass zwischenfallgeplagte Großkonzerne ihren Ruf, ihr "Image", in der Öffentlichkeit zu überspielen versuchen, ist nicht neu; lediglich der Zynismus, mit dem man das gute Bild zu inszenieren versucht, variiert. Aktuelles Beispiel: Vattenfall sponsort die Berliner Märchentage. "Die Unterstützung der Märchentage ist für uns eine Herzensangelegenheit", versichert Dr. Klaus Schmid, Personalvorstand von Vattenfall Europe Berlin." Märchen aus dem Zwei-Strom-Land.
Mehr bei Daniel's World und Julia Seeliger.
Das Subjekt in Philosphie und Alltag
at 13.10.07 Posted under Denkschubladen: demokratische Kultur
[...] Wenn das Subjekt eine Konstruktion ist, dann handelt es sich [...] um eine sehr tief gelegte und überaus wirkungsmächtige Konstruktion. Das philosophische Dementi allein vermag [allerdings] nahezu nichts (oder bleibt kokett), solange die Sprache Subjekte den Objekten gegenüberstellt und solange die Arbeit einerseits notwendig und an das Schema des Instrumentellen gleichzeitig gebunden bleibt. Wir haben nicht die Wahl, ob wir Subjekt sein wollen. Die philosophische Demontage des Subjektbegriffs mag den berechtigten Zweifel spiegeln, ob in einer zunehmend vermittelten Welt die Verhältnisse ein Handeln im Sinne übersichtlicher Kausalketten überhaupt zulassen, ob die/der Einzelne frei ist, die Ziele seines Handelns in eigener Machtvollkommenheit zu bestimmen, und ob sie/er die eigene Position am Kopf der Kausalkette genießen kann. Im Generellen, außerhalb der Philosophie, denke ich, haben wir nicht die Wahl.
So schreibt er, der großartige Hartmut Winkler, in seinem Aufsatz "Nicht handeln. Versuch einer Wiederaufwertung des couch potato angesichts der Provokation des interaktiv Digitalen". Meine Schlussfolgerung: Konzentration auf den Versuch einer Entdifferenzierung von Kopf- und Handarbeit. Erste Schritte in diese Richtung haben, darauf bin ich in einem Friedrichshainer Antiquariat gestoßen, Gernot Böhme und Michael von Engelhardt in ihrem Suhrkamp-Band Entfremdete Wissenschaft (1979) unternommen. Die Suche nach Anschlussarbeiten läuft ...
... und unterdessen heißt es weiter bei Winkler:
Vielleicht, dies ist mein Ausgangspunkt, ist Aktivität nicht grundsätzlich "besser" als Passivität; vielleicht lohnt es, sich von den kurzschlüssig politischen Konnotationen zu losen, die mit diesen Begriffen verbunden sind: der Objektstatus mit der Rolle des Passiv-Rezeptiven, und der Status des potentiell politisch Handelnden mit der Position des Subjekts.
Vielleicht, dies ist mein Eindruck, ein Ausgangspunkt, den man durchaus als Aufforderung begreifen und mit-denken, durch-denken sollte ...
In Vorbereitung ...
at 8.10.07 Posted under Denkschubladen: N.A. - not available, Unipflichten
... auf meine bevorstehende Prüfung habe ich kurzerhand mein Zimmer umgeräumt. Auf was man doch alles verzichten kann ...
(Mehr) Unterstützung für Burma
at 4.10.07 Posted under Denkschubladen: Birma, demokratische Kultur, mit Protest zur Kenntnis genommen
Das Mindeste, was der hier lebenden Einzelne derzeit tun kann: sich informieren. Ohne Öffentlichkeit keine sich mobiliserenden Massen, kein Protest.
Über den dortigen Stand der Dinge:
- aus dem Exil in Oslo: The Democratic Voice of Burma
- eine Linkliste
- Spiegelfechters Ticker: Aktuelle Entwicklungen in Myanmar
- Einschätzungen des Human Rights Watch
Podcasts
- DRadio Hintergrund Politik: Barfuß gegen die Diktatur - der Kampf für Demokratie in Myanmar
- "Die Generäle sind völlig unberechenbar" - Amnesty International warnt vor Eskalation ...: Bernhard Forster von der Koordinationsgruppe Birma bei amnesty international hat dazu aufgerufen, den Druck auf das Militärregime in Birma aufrechtzuerhalten. Er erinnerte an den Aufstand 1988, den die Machthaber blutig niedergeschlagen hatten, und warnte davor, dass die Militärs mit einem erneuten brutalen Vorgehen die Unruhen weiterschüren könnten."
- "Polenz: China kann Massaker in Birma verhindern - CDU-Außenpolitiker bedauert Zurückhaltung ...: Der CDU-Politiker Ruprecht Polenz hält Chinas Einfluss auf Birma für entscheidend, um eine Eskalation der Gewalt angesichts der Proteste gegen das Militärregime zu verhindern. "Ich glaube, wenn überhaupt etwas die Militärs beeindruckt, dann das Echo in der Region. Was wir in Europa sagen, was die Amerikaner sagen, das ist weit weg", sagte Polenz, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag."
- "Interview mit Moritz Kleine-Brockhoff zu Birma"
Kapitalismus und Demokratie - Versuch einer Einsicht I
at 2.10.07 Posted under Denkschubladen: demokratische Kultur, Globalisierung, Kapitalismus vs. Politik
Heute: der 3. Oktober. Gelegenheit, um - nein: nicht über den (Miss)Stand der Deutschen Einheit zu reflektieren; dazu wird bereits vielen das Privileg gewährt: Lothar de Maizière oder Thomas Brussig beispielsweise, um allein aus der Liste der DRadio-Podcasts zu zitieren. Stattdessen möchte ich ein paar Gedanken an das schiefe Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie verschwenden. In einem neuerlichen misanthropischen Anfall hatte ich beiden eine grundsätzliche Unvereinbarkeit zugeschrieben und meinen Pessimismus ohne eine weitere ausführende Bemerkung der Kritik (oder einem ungläubigen Kopfschütteln) ausgesetzt.
Warum also die aus meiner Sicht so deutliche Unvereinbarkeit dieser beiden "Systeme"? Ich will betonen: Ich rede, indem ich den Begriff der Unvereinbarkeit aufgreife, nicht von einer unüberwindbaren Kluft. Mein Gedanke dreht sich im Gegenteil um die Wahrnehmung, dass sich beide "Systeme" zu ähnlich sind, weil sie beide zu sehr auf dasselbe angewiesen sind: die Zeit und Aufmerksamkeit des Einzelnen. Für beide ist es ein Streit - und projiziert man dieses Aufeinandertreffen auf eine zeitliche Ebene, dann ist es auch ein Wettlauf - um die Beantwortung der Frage, wie sich dieser Einzelne, der doch von beiden angesprochen, in Anspruch genommen wird, definieren soll: Als Konsument oder als Bürger? Im Extrem formuliert: Wofür entscheide ich mich? Shoppen oder Auseinandersetzung mit dem nächsten Volksentscheid? Volle demokratische Verantwortung gegenüber der Gesellschaft bewegt mich dazu, Nachrichten zu konsumieren (immerhin) und im Dialog mit meinen Mitmenschen Erfahrungen auszutauschen, um damit schließlich meine eigene Position ausloten zu können. Diese Zeit geht also meinem Freizeitpensum "verloren", und im Gegenzug verliert jemand unter Umständen seinen Arbeitsplatz, weil weniger gekauft wird. Alternativer Gegenzug: Ich verzichte (radikal gesprochen) auf kritische gesellschaftliche Mitsprache und verbringe Stunde um Stunde in der Shopping Mall.
Anders angedacht: Sowohl der Kapitalismus als auch die Demokratie brauchen mich - entweder als kaufkräftigen Kunden, oder als mündigen Bürger. Beide wollen sie meine volle Aufmerksamkeit. Sowohl für das Einkaufen als auch die gesellschaftliche Teilhabe gilt: beides erfordert beständig eine Wahl. Es geht damit (vielleicht) um eine einfache Machtfrage: Bestimme ich über mich, oder mein Geld über mich?
Die Rede vom "kritischen Verbraucher" will vermutlich unser Festhalten am Kompromiss andeuten, den auch Naomi Klein sieht:
"People like to have consumer choice and they also like to have basic necessities protected and to have a life with dignity; housing, water, electricity, health care. And with democratic socialism you can actually have both: a mixed economy that has an essentially controlled economic model but that has room for diversity within it and has these social guarantees."
Und warum nicht? Vielleicht sollte ich mein Nachdenken über diese und ähnliche Fragen einfach aufgeben und mich gemeinsam mit der SPD über ihr gerade verabschiedetes Grundsatzprogramm freuen, in dem sie sich und ihre Mitglieder - und mich damit also auch - als demokratische Sozialisten feiert. Man vertraue also auch weiterhin darauf, dass dank der Politik, oder in diesem Fall: dank der Partei, alles gut wird.
Nein. Vorerst zumindest nicht. Und darum lärme ich ob der vielenorts ungerechten, ungerechtfertigten und nicht zu rechtfertigenden Verhältnisse. Denn auch als Pessimist, der dem russischen Sprichwort zufolge ein gut informierter Optimist sein soll, bleibe ich ein Optimist. Impossible is nothing, will mir Adidas ja schließlich oft genug weismachen.
Die Abschaffung des einen zugunsten des anderen scheint nicht unwahrscheinlich, sondern ganz und gar unmöglich. Was mich fasziniert, ist die Beobachtung, dass Kapitalismus die Politk zu vereinnahmen imstande ist; umgekehrt scheint es kaum machbar, den Kapitalismus zu politisieren - auf den Versuch allein folgt die umgehende Beschwerde von der Freiheitsberaubung des Marktes.
Und so nimmt das ubiquitäre (ist das nicht ein großartiges Fremdwort?) Gerede vom unaufhaltsamen Siegeszug des Kapitalismus und der Globalisierung immer mehr konkrete Form an: Statt Napoleon auf seinem Gaul steht heute der Coca-Cola Truck vor dem Brandenburger Tor. Auch er wird jubelnd empfangen, auch seine Infanteristen campieren im Tiergarten: Die Fantastischen Vier, Ich & Ich und wie sie noch alle heißen. Nochmal, um es zu wiederholen: Das Brandenburger Tor, ein politisch doch so tragendes Symbol, ist am Tag der Deutschen Einheit Schauplatz eines Nachwuchsband-Wettbewerbs. Der Gedenktag zum Mauerfall, präsentiert von Coca-Cola.
Alles Trend, und ein Außerhalb gibt es nicht. Auch die Postmoderne, mit der man sich doch ursprünglich emanzipieren wollte, konnte sich dem Sogfeld der Modeerscheinungen nicht entziehen. Ich finde mich, Ihr Euch vielleicht auch, einmal mehr zurückgeworfen auf den Erkenntnisstand Adornos: "Entweder sie tragen als Unterhaltung oder Erbauung unmittelbar zu[m ...] Fortbestand [der gegenwärtigen gesellschaftlichen Ordnungen] bei und werden als ihre Exponenten, nämlich gerade um ihrer gesellschaftlichen Präformiertheit willen, genossen. Als allbekannt, gestempelt, angetastet, schmeicheln sie beim regredierten Bewußtsein sich ein, empfehlen sich als natürlich und erlauben die Identifikation mit den Mächten, deren Übergewicht keine Wahl läßt als die falsche Liebe. Oder sie werden durch Abweichung zur Rarität und abermals verkäuflich" (Adorno, "Kulturkritik und Gesellschaft", in: Prismen, Frankfurt: Suhrkamp, 1976, S. 7-31, hier: S. 16.).
Daher sagt mir auch die trendige Neuformulierung durch Norbert Bolz nichts Neues. Ein Ausschnitt aus der Zeit:
"Der kritische Konsument, sagt er, stehe heute nicht mehr außerhalb des Systems, sondern sei ein Teil davon geworden: »Die Subkultur wird zum Markenartikel, der Rebell zum Star und die alternative Szene zum Motor der Unterhaltungsindustrie. Der Mainstream wird gerade von denen bestimmt, die anders sein wollen als der Mainstream.« Wenn er beschreibt, wie intelligent das System des mediengesteuerten »Konsumismus« funktioniert, in dem sich Kunden, Werber und Unternehmer wechselweise beeinflussen, dann fällt die sonst gepflegte Attitüde der Coolness von ihm ab. Da klingt ein Ton frommer Bewunderung an, wie man ihn von Renegaten kennt, die ihre neue Religion preisen: Der Konsumismus sei »das Immunsystem der Weltgesellschaft gegen den Virus der fanatischen Religionen«."
Fortsetzung folgt ...
